Zweiter Weltkrieg Anfang 1945 - Marienburg (Westpreußen)

Direkt zum Seiteninhalt
Geschichte


Zweiter Weltkrieg. Anfang 1945



 
12. Januar:
Die 1. Weißrussische Front griff südlich von Warschau an, Stoßrichtung Pommern.
 
13. Januar:
Die 3. Weißrussische Front griff Ostpreußen an, Stoßrichtung Königsberg.
 
14. Januar:
Die 2. Weißrussische Front griff Westpreußen an, Stoßrichtung Weichselmündung.
 
20. Januar:
Die 1. Weißrussische Front erreichte die Gegend um Hohensalza. Gauleiter Forster ordnete die Räumung der bedrohten südlichen Kreise Westpreußens an. Der Gauleiter Pommerns drohte daraufhin, er werde die Ostgrenze Pommerns für Flüchtlinge sperren (für die Räumung war nicht die Wehrmacht, sondern die jeweilige NSDAP-Leitung zuständig).
 
Am Abend des 20. Januar (Sonnabend) erschien der neue Befehlshaber der Heeresgruppe Weichsel, Reichsführer SS Heinrich Himmler, im Gefechtsstand des Festungskommandanten Oberst von Koeller in den Deutsch-Ordens-Kasernen. Dort erörterten der Oberbefehlshaber der 2. Armee, Generaloberst Weiß, sowie Gauleiter Forster und einige andere, wie die sehr kritische Lage zu meistern sei. Das wesentliche Ergebnis der Zusammenkunft war: Himmler befahl, daß die 2. Armee sich nicht nach Königsberg, sondern nach Danzig begibt. Die Verbindungswege zwischen Westpreußen und Ostpreußen sollten so lange wie möglich offen gehalten werden. Auf einer großen Landkarte habe Himmler mit Panzerarmeen operiert, die es – wie sich später herausstellte – nicht gab. Außerdem soll Himmler vorgeschlagen haben, Hitler-Jungen mit Panzerfäusten auszurüsten, auf Fahrrädern den sowjetischen Panzern entgegenzuschicken und die Panzer vernichten zu lassen. Mehrmals habe Himmler erklärt: „Dös packe mer scho.“
 
Am 21. Januar
(Sonntag) wurde Oberst von Koeller, der Festungskommandant, versetzt. Sein Nachfolger wurde Oberst Brassert.
 
Am 22. Januar
wurden die zur Verteidigung Marienburgs bestimmten Einheiten bereitgestellt („Kampfgruppe Marienburg“):
 
  • zwei Infanterie-Ersatzbataillone der Ortsgarnison, aufgefüllt durch Alarmeinheiten (Genesende, Schreibstube, Verwaltung)
  • ein Bataillon der Unteroffizierschule Schwetz
  • zwei Bataillone Marine
  • eine Flak-Abteilung
  • drei ortsfeste Batterien, zum größten Teil mit Volkssturmmännern besetzt
 
Insgesamt standen 2500 Mann bereit, ursprünglich waren 10000 bis 15000 Mann vorgesehen.
 
Am 23. Januar
(Dienstag) war der Bahnhof überfüllt mit Menschen, die die Stadt verlassen wollten. Es fuhr aber kein Zug, obwohl in Dirschau Züge bereitstanden. Es hieß, sowjetische Panzer seien auf der Fahrt von Elbing nach Marienburg. Schließlich gab die Gauleitung in Danzig die Züge in Dirschau frei. Nach einigen Stunden waren die Bahnsteige geräumt.
 
Die Kriegsgefangenen des Lagers Willenberg wurden nach Westen verlegt.
 
Sowjetische Panzer drangen aus Stuhm in Richtung Willenberg vor; sie wurden von deutschen Truppen aufgehalten.
 
Die Schlagzeile der Marienburger Zeitung lautete „Schwere Kämpfe im Osten“.
 
Am 24. Januar
(Mittwoch) standen sowjetische Truppen vor der Stadt. Das Hauptquartier der 2. Armee wurde aus der Stadt verlegt. Flüchtlingstrecks überschritten die Nogat am Galgenberg. Ein Treck, der in der Nacht vom 23. zum 24. Januar in Altfelde losgefahren war, erreichte die Marienburger Nogatbrücke erst am 24. gegen Mittag, weil die Straßen verstopft waren. 35 Personen verließen mit sechs Feuerwehrfahrzeugen Marienburg in Richtung Westen (nur ein Fahrzeug wurde gerettet). Die letzte Ausgabe der Marienburger Zeitung erschien mittags zur gewohnten Stunde; abends, als die Kämpfe begannen, zerstörten Betriebsangehörige die Druckmaschinen und die Leserkarteien. Das Focke-Wulf-Flugzeugwerk wurde gesprengt.
 
Die Schlagzeile der Marienburger Zeitung lautete „Erbitterte Kämpfe im Osten“.
 
Am 25. Januar
(Donnerstag) wurde um 1.50 Uhr bekanntgegeben, daß die Stadt geräumt werden soll. Zur gleichen Zeit erging auch der Räumungsbefehl für den Kreis; die abfahrbereiten Trecks setzten sich in Bewegung.
 
Am Morgen griffen sowjetische Truppen mit Panzern und Infanterie an. Sie versuchten, einen Übergang über den Panzergraben zu erzwingen; das gelang ihnen am Nachmittag. Die Panzer drangen auf der Elbinger Straße bis zum Ulmenweg vor, die Infanterie folgte. Sowjetische Artillerie beschoß die Stadt. Polizei und zwei in der Stadt verbliebene Feuerwehrleute löschten das in Brand geratene katholische Pfarrhaus. Das Feuer war durch Funkenflug entstanden, als das Haus Niedere Lauben 36 (Friedrich Ehmann), nach Beschuß brannte. Das war der letzte Feuerwehreinsatz. Noch hatten nicht alle Einwohner die Stadt verlassen. Häuser wurden durchsucht; zwei städtische Busse brachten im Pendelverkehr Personen zum Bahnhof Kalthof. Dort fuhr um 11 Uhr der letzte Zug. Die Nogatschleusen wurden geöffnet, die Nogatpromenade stand unter Wasser.
 
Die Front verlief etwa so: Willenberg, Gut Eisenack, Beckerberg, Ecke Junkergasse und Birkgasse, Ortskrankenkasse, Schützenhaus, Mühlengraben, Karpfenteich, Goldener Ring, Langgasse, Große Geistlichkeit, Burg, Stadtpark.
 
Am 26. Januar
(Freitag) besetzten sowjetische Truppen nach heftigen Kämpfen Teile der Stadt und den Bahnhof. Vom Hotel „König von Preußen“ aus beschossen sie das Schloß. Die Marienfigur an der Ostseite der Marienkirche wurde zerstört. Ein deutscher Vorstoß zur Rückgewinnung des Mühlengrabens gelang nur für den Abschnitt von der Steingasse bis zur Mühlengasse. In Sandhof drangen deutsche Soldaten vom Stadtpark aus bis in den Bereich Ahornweg, Heckenweg, Ulmenweg vor. Dort wurden sie eingeschlossen, konnten sich aber am 28. Januar zu den Nogatbrücken durchkämpfen. Als erstes Gebäude am Laubenmarkt brach das Haus Niedere Lauben 34 (Probierstuben Benno Willems) zusammen. Das Kaufhaus Hille & Co. (Hohe Lauben 21–22; Conitzer, dann Flatauer) brannte. Gegen 18.00 Uhr rollten sowjetische Panzer den Neuen Weg entlang in Richtung Nogatbrücken. Der Vorstoß mißlang. Gegen 19.00 Uhr besetzten deutsche Truppen die Birkgasse bis zum Damaschkeplatz. Um den Platz wurde heftig gekämpft. Zu dieser Zeit befand sich die sowjetische Befehlsstelle in der Genossenschaftsmolkerei in der Moltkestraße.
 
Am 27. Januar
(Sonnabend) in der Frühe wurde für die deutschen Truppen in Marienburg der Rückzug befohlen. Er begann gegen 10.00 Uhr. Um 12.00 Uhr erging Befehl, die Stadt zu halten. Truppenteile, die schon abgezogen waren, kehrten zurück.
 
Am 28. Januar
(Sonntag) verlief die Front vom Laubenmarkt zum Burggraben, dann zum Schnitztor und weiter bis zur Kläranlage.
 
Im Raum Ahornweg befanden sich Ansammlungen sowjetischer Panzer und Sturmgeschütze. Diese Ansammlungen wurden wahrscheinlich am 28. Januar, vermutlich durch in Schlesien stationierte deutsche Jagdbomber, angegriffen. Dabei wurden einige Häuser im Ahornweg zerstört.
 
Am 29. Januar
(Montag) griffen sowjetische Panzer und Sturmgeschütze die Burg an.
 
Am 30. Januar
(Dienstag) gingen die Kämpfe weiter.
 
Am 31. Januar
(Mittwoch) brannte die Stadt an mehreren Stellen. Die sowjetische Befehlsstelle war im Neuen Rathaus.
 
Am 1. Februar
(Donnerstag) setzte Tauwetter ein. Die Kämpfe ließen etwas nach.
 
Am 10. Februar
(Sonnabend) forderten die sowjetischen Truppen die deutschen Truppen zur Kapitulation und zum Verlassen der Burg auf.
 
An den folgenden Tagen kam es immer wieder zu Kämpfen.
 
Am 9. März
(Freitag) räumte die deutsche Wehrmacht ab 18.45 Uhr Stadt und Schloß. Die sowjetischen Truppen bemerkten die Räumung nicht. Gegen 22.20 Uhr sprengten deutsche Soldaten zuerst die hölzerne Fußgängerbrücke, dann die Eisenbahn- und die Kleinbahnbrücke (Straßenbrücke).
 
 
Bei den Kämpfen in und um Marienburg fielen über 500 sowjetische Soldaten. Etwa 50 sowjetische Panzer wurden abgeschossen. Die Zahl der gefallenen deutschen Soldaten ist nicht bekannt (99 gefallene deutsche Soldaten wurden im Jahre 1996 nach Mlawka umgebettet).
 
 
Durch den Krieg, die Flucht und die Vertreibung verlor Marienburg 4498 Menschen, 16 % der Einwohner (bezogen auf das Jahr 1939): 2658 waren tot, 1840 waren vermißt.
 
 
Bei Kriegsende hatte die Stadt etwa 1200 Einwohner.
 
 
Die Stadt wurde zu etwa 60 % vernichtet.
 
Schloß:
Teile des Schlosses wurden zerstört, besonders auf der östlichen Seite. Marienkirche und Marienfigur wurden vernichtet. Der Turm stürzte ein.
 
Altes Rathaus:
Dach und Dachreiter wurden zerstört. Das Gebäude blieb stehen.
 
Neues Rathaus, Kreishaus:
Die Gebäude wurden nur gering beschädigt.
 
St. Georgen:
Während der Kämpfe wurde die Kirche beschädigt, aber nicht zerstört.
 
St. Johannis:
Die Kirche wurde stark beschädigt. Turm und Dach wurden zerstört.
 
Marienkrankenhaus:
Das Gebäude brannte aus.
 
Kratzhammer, Neustadt:
Alle Gebäude wurden zerstört.
 
Lauben:
Sie wurden zerstört.
 
Amtsgericht:
Das Gerichtsgebäude brannte, das Gefängnis blieb unbeschädigt.
 
Friedrichsdenkmal:
Das Denkmal wurde umgestürzt. Die Figur Friedrichs II. soll eingeschmolzen worden sein für ein Denkmal in Warschau (Felix Dserschinski, ab 1917 Leiter der sowjetischen politischen Geheimpolizei). Nach der Wende in Polen verschwand das Dserschinski-Denkmal. An seiner Stelle steht ein Denkmal für den Dichter Juliusz Slowacki (1809–1849). Die vier Hochmeisterfiguren, die auf dem Denkmalsockel zu Füßen von Friedrich dem Großen standen, blieben erhalten. Sie stehen im Hof des Mittelschlosses auf Sockelresten: Hermann von Salza, Siegfried von Feuchtwangen, Winrich von Kniprode, Albrecht von Brandenburg. Den Hochmeistern fehlen die Schwerter, Albrecht fehlt auch der Kommandostab.
 
Abstimmungsdenkmal, Kriegerdenkmal, Blumestein:
Sie wurden umgestürzt.
 
Töpfertor, Marientor:
Sie wurden gering beschädigt.
 
Hauptpost:
Sie brannte aus.
 Kasernen: Sie blieben stehen.

© copyright Hans Joachim Borchert, vgl. Impressum und ergänzendes Impressum.
Zurück zum Seiteninhalt